Von allen Seiten betrachtet ... ein malerisches Städtchen












Findige Kelten

Dass es in Neuenbürg etwas zu entdecken gibt, bemerkten schon als die Kelten. Im 5. und 4. Jh. v. Chr., spürten sie Brauneisen führende Erzgänge auf und gewannen daraus Eisen. In der Nähe von Waldrennach entstand ein regelrechtes Gewerbegebiet mit etlichen Schmelzöfen. Aus dem Eisen konnten Werkzeug und Waffen hergestellt werden. Wo eine dazu gehörige Siedlung stand, ist bislang noch unklar. Ob wiederum die Menschen in der Siedlung am Schlossberg, die in den 1920er Jahren gefunden wurde, ebenfalls von der Eisenverhüttung lebten, gehört ebenso zu den noch ungelösten Rätseln, wie die Zeit der Römer in Neuenbürg.

 

Herrschaftszentrum im oberen Enztal

Erst im Hochmittelalter geben steinerne Zeugen und schriftliche Quellen Belege für die Entwicklung von Stadt, Schloss und Amt Neuenbürg. Demnach war die „neue Burg“ die jüngste im Enztal (12. Jahrhundert). Die heutigen Ruinen Waldenburg und Straubenhardt stammen aus dem 11. Jahrhundert und belegen den Wunsch der Grafen von Calw-Vaihingen, hier ein Zentrum zu schaffen, von dem aus neue Siedlungsbestrebungen in den Schwarzwald ausgehen. Für Neuenbürg war dies der Beginn für seine spätere Entwicklung zur Obervogtei und Oberamtsstadt.

 

Mit dem Bau einer „neuen Burg“ auf dem 80 Meter hohen Umlaufberg im Enztal 12 Kilometer südwestlich von Pforzheim entfernt kamen Menschen hierher, die am Fuß des Burgbergs siedelten. Auf ihre Siedlung bei der heutigen Schlossbergschule weist vielleicht die Flurbezeichnung „Altenstatt“ hin. Im Jahr 1274 wurde der Ort Neuenbürg erstmals als Stadt erwähnt und mit Stadtrechten und Stadtmauer, Marktrecht und Gerichtsbarkeit ausgestattet. Um 1320 gingen Burg und Stadt in württembergischen Besitz über. Die Grafen von Württemberg konsolidierten damit ihren Herrschaftsbereich im Westen gegen die Herrschaften Eberstein und Baden. Das Amt Neuenbürg mit den fünf dazu gehörigen Dörfer Langenbrand, Waldrennach, Engelsbrand, Grunbach und Salmbach wurde von einem adeligen Vogt verwaltet, der später einen Vertreter bekam, den bürgerlichen Untervogt. Wie viele Herrschaftssitze sprachen die Grafen von Württemberg der Stadt ein Asylrecht zu – wer straffällig geworden war, durfte sich 45 Tage straffrei in der Stadt aufhalten. Das Original des Asylsteins liegt heute im Museum im Schloss.

 

In die Zeit um 1340 fällt die Ausmalung der St. Georgs-Kirche auf halber Höhe zwischen Stadt und Burg. Die im Kern romanische Kirche hat eine bewegte Geschichte. Bis zum Bau einer Kirche in der Stadt war sie die Pfarrkirche mit einem Kirchhof, auf dem bis zum Bau des neuen Friedhofs 1907 alle Toten aus Neuenbürg und Waldrennach bestattet wurden. Sehenswert ist die Kirche wegen ihrer exquisiten Wandmalereien. Der Friedhof mit Grabmalen seit dem 18. Jahrhundert bietet eine schöne Aussicht auf das Städtle.

 

Amtssitz statt Residenzschloss

Wie überall waren die Bürger von Neuenbürg ihrer Herrschaft gegenüber zu Abgaben verschiedener Art verpflichtet: Zins, Abgabe von Tieren, Früchten etc. aber auch – und das war besonders lästig – Heu, Mist und Wasser auf das Schloss zu führen. Für die 200 Einwohner im Städtle war dies eine ungeliebte, weil zeit- und kräfteraubende Fron. Die Wasserfron konnte zu Beginn des 17. Jahrhunderts abgelöst werden. Zuvor war für das Schloss unter der Bauleitung des fürstlichen Baumeisters Heinrich Schickhardt eine eigene Wasserleitung gebaut worden („Teichelweg“: Schloss Richtung Schnaizteich). Schickhardt war nicht eigens mit dem Bau der Wasserleitung beauftragt worden. Seine damalige Hauptaufgabe ab 1605 war es, das Schloss als Wohnsitz für Herzog Magnus auszustatten. Fünfzig Jahre zuvor hatte Herzog Christoph seine Baumeister mit dem Abbruch der alten Burg und dem Neubau einen Schloss beauftragt. Sein Nachfolger im Amt, Herzog Johann Friedrich, wollte seinen Bruder Magnus mit Neuenbürg ausstatten und betraute Schickhardt mit dem Umbau. Doch Herzog Magnus war nicht gewillt, dem Wunsch seines Bruders, dem regierenden Herzog Johann Friedrich, zu folgen. Damit scheiterte schon der zweite Versuch eines regierenden Herzogs Familienmitglieder mit einem Residenzschloss außerhalb von Stuttgart auszustatten. Fünfzig Jahre zuvor hatte Herzog Christoph ab 1552 die alte Burg abbrechen lassen mit dem Ziel, das neue Schloss seinem Großonkel Graf Georg zu vermachen. Auch die Absicht. Herzog Eberhard III. 1652 seinen Bruder Ulrich mit Neuenbürg auszustatten, missglückte. Fortan wurde das Schloss ab 1726 Sitz des Staatlichen Forstamtes und später noch des Kameralamtes (Finanzamt).

 

Kriege, Katastrophen und grünes Kapital

Für die beiden Herzöge war Neuenbürg offenbar zu wenig attraktiv. Tatsächlich hatten Stadt und Amt, die ohnehin nicht reich gesegnet waren, im 17. Jahrhundert schwer gelitten. Der Dreißigjährige Krieg führte zu schweren Hungersnöten, Seuchen und Plünderungen. Die Bevölkerung war dezimiert und die Lebensgrundlagen eingeschränkt. Die verzweifelte Suche nach ertragreichen Erzgängen von Tiroler Bergleuten im Auftrag des Herzogs spiegelt diese Situation wider. Ein Lichtblick zeigte sich erst wieder, als der Holzhandel mit Holland um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Gang kam. Schon seit dem 14. Jahrhundert flößte man von der Enz bis in den Neckar. Nun war es gelungen, die kleinen Schwarzwaldbäche so herzurichten, dass nicht mehr nur gesägtes Holz sondern auch Stammholz geflößt werden konnte. Zunehmend nahmen Privatpersonen das Risiko auf sich und flößten auf eigene Rechnung - mit immensen Gewinnen oder Verlusten. Einer der erfolgreichsten war der Neuenbürger Kaufmann Christoph Friedrich Lidel. Neben der Flößerei engagierte er sich auch im Hammerwerk Benckiser in Pforzheim. Seine vorausschauende Unternehmerpersönlichkeit brachte ihm später den Titel eines badischen Rates ein. Im Alter zog er nach Karlsruhe und unterstützte dort den Bau eines Spitals.

 

Handwerk von höchster Qualität

Der Bergbau kam ab 1720 durch sächsische Bergleute noch einmal für 150 Jahre zu neuer Blüte. Die Brüder Vieweg verstanden es, unter Tage Erz zu gewinnen. Bis 1868 waren ständig 30 bis 60 Personen im Frischglück-Bergbau beschäftigt. Anfänglich wurde das Erz nach Pforzheim verkauft, später nach Friedrichstal bei Freudenstadt. Die Eisenerzvorkommen mögen neben Wasser und einem guten Arbeitskräftereservoir ein Grund für die Gründung einer „Stahlwerkstätte“ für Sensen Sicheln und Strohmesser im Jahr 1803 gewesen sein. Schon in den 1830er Jahren hatte sich die Fa. Haueisen & Sohn zu einer international handelnden Fabrik entwickelt. Zeitweise waren mehr als 200 hoch qualifizierte Arbeiter waren in den Werkstätten beschäftigt. Neben der Sensenfabrik war das Sägewerk Krauth und Co., oberhalb des Städtles und zur Gemarkung Höfen gehörig, der größte Arbeitgeber im weiteren Umkreis im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

 

Der Fluss gab auch Angehörigen anderer Berufe ihr Auskommen, Gerber, Mahl-, Öl- und Schleifmühlenbesitzer konnten die Wasserkraft der Enz nutzen. Am längsten erhielt sich die Lederfabrik Wanner an der alten Pforzheimer Straße, die bis 1989 Leder herstellten. Manche alten Gewerbe modernisierten ihre Energieversorgung, blieben aber am alten Platz, wie etwa ein noch bestehender Schleifereibetrieb am Schleifmühlenweg.

 

Abgebrannt und ausgewandert

Die lange Friedenszeit im 18. Jahrhundert wirkte sich auch in Neuenbürg positiv aus. Deshalb traf es die Stadt hart, als in der Nacht zum 23. Mai 1783 der große Stadtbrand zwei Drittel der Stadt zerstörte. Die gerade erst fertig gestellte Stadtkirche – die dritte an ihrem Platz – musste neu aufgebaut werden, das Rathaus war abgebrannt und viele Menschen hatten ihr Zuhause verloren.

 

Von Zeiten wirtschaftlicher Not und politischer Bedrängnis blieben Neuenbürg und das gesamte Amt nicht verschont. In den Notzeiten des ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren viele Neuenbürger gezwungen, sich in der „Neuen Welt“ eine zweite Heimat zu suchen. Die soziale Frage wurde auch in dem beschaulich wirkenden Schwarzwaldstädtchen heftig diskutiert. In der Revolution 1848/49 lehnte sich die Bevölkerung gegen ihre Herrschaft auf. Das 1843 gegründete „Amts- und Intelligenzblatt“ bot das ideale Medium für die ungewohnte öffentliche Diskussion. Ein Verfechter der bürgerlichen Interessen war der Richter am Neuenbürger Oberamt Wilhelm Ganzhorn. Zehn Jahre war er hier tätig, bis er zusammen mit seiner aus Conweiler stammenden Frau Luise 1854 nach Cannstatt zog. Ganzhorns bekanntestes Gedicht „Das stille Tal“ ist später vertont worden und wurde nach der Melodie „Die drei Lilien“ unter dem Titel „Im schönsten Wiesengrunde“ zum beliebten Volkslied.

 

Die Oberamtsstadt

In einer Pfarrbeschreibung von 1832 beklagte der hiesige Pfarrer die Zweiteilung der Gesellschaft in mittellose Handwerker und Arbeiter und auf der einen und wohlhabende Beamte und Herrschaften auf der anderen Seite. Diese Beobachtung war nicht unbegründet: Nach 1806 hatte Neuenbürg noch die Verwaltungsämter aus Wildbad und Herrenalb dazu gekommen, so dass sich das Städtle zu Behördenzentrum entwickelt hatte: Oberamtsgericht, Finanzamt (Kameralamt), Oberamtssparkasse, Bezirkskrankenhaus, Polizeiposten, Amtsärzte, Apotheke, Post, Schulen hatte hier ihren Sitz. Doch hielt die gewerbliche Entwicklung – mit Ausnahme der Gaststätten – nicht Schritt mit dem Dienstleistungszentrum. Aufstrebenden Großstädte, vor allem das nahe gelegene Pforzheim profitierten von der Kaufkraft wohlhabender Neuenbürger. Trotz seiner niedrigen Einwohnerzahl von knapp 2000 Einwohnern fühlten sich die Neuenbürger als Städter und dies unterschied sie von ihrem Umland.

 

Vom kleinen Amtsgericht und anderen Wirtschaften

Wenn nun die Amtsangehörigen und Marktbesucher gezwungen waren, sogar von Loffenau oberhalb des Murgtales nach Neuenbürg zu kommen, mussten sie natürlich verköstigt werden. Die mehr als 20 gleichzeitig bestehenden Gaststätten boten eine Auswahl für jeden Geldbeutel, Geschmack und Gesellschaft. Im „Ratsstüble“, dem Amtsgericht gleich gegenüber, führte die Familie Silbereisen eine respektable Gastwirtschaft. Urteilssprüche oder Beurkundungen konnten bei einem Schoppen Wein oder Glas Bier ausführlich diskutiert werden. Eine der ältesten und größten war der „Bären“ (Markststraße 17), der schon im 15. Jahrhundert erwähnt wurde, weil dort die „Asylanten“, also die, die das Asylrecht in Anspruch nehmen durften, für 45 Tage untergebracht wurden. Die „Bärenwirt“ waren im 18. Jahrhundert auch Bürgermeister und „Holländer-Holz-Compagnie-Verwandte“, d.h. sie besaßen Einlagen in dieser Gesellschaft, die Langholz nach Holland verflößte.

 

Nischenproduktion

Im Städtle boten neben den beiden Großbetrieben noch eine Schlauchweberei, eine Bügeleisenfabrik und eine Glühbirnenfabrik einige Arbeitsplätze. Die Blüte der Pforzheimer Schmuckindustrie um die Wende zum 20. Jahrhundert strahlte auch nach hier aus und gab etlichen Männern und Frauen Lohn und Brot. Dennoch blieb die Bevölkerung überwiegend eher arm. Die Arbeitslosigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte hier wie dort die Folge, dass die Nationalsozialisten großen Zuspruch fanden. In den 1930er Jahren brachte die staatliche Urlaubsorganisation „Kraft durch Freude“ Urlauber in den Schwarzwald. Etliche Gaststätten konnten von dem zunehmenden Schwarzwald-Tourismus profitieren. Fremdenzimmer wurden eingerichtet, Neuenbürg wurde zum Erholungsort. Das Zusatzbrot in der Gastronomie kam allen zugute, denn mit Arbeitsplätzen waren Neuenbürg und die Region nicht gerade gesegnet. Noch in den 1960er Jahren war Neuenbürg ein beliebter Urlaubsort.

 

Der zweite Weltkrieg

Die ersten Jahre des Krieges verschonten das obere Enztal vom Kriegsgeschehen. Erst 1944 brachen Bomber in die gespannte Ruhe des Nordschwarzwaldes. Die Bombardierung von Pforzheim mit als 20000 Toten in einer Nacht brachte schockierte die Menschen in der Region. Etliche flüchteten nach Neuenbürg. Im April trafen hier deutsche Soldaten auf französische Truppen. Bei einer Schießerei in der Marktstraße kamen mehrere Menschen ums Leben. Angst und Schrecken verbreiteten die marokkanischen Soldaten in der französischen Truppe wegen etlicher Vergewaltigungen in Neuenbürg und Waldrennach. Nach dem Krieg wurde Neuenbürg der französischen Zone zugeteilt, Pforzheim zur amerikanischen. Die ersten Jahre waren wie überall vom Wiederaufbau geprägt. Der Krieg hatte vieles verändert, manche Betriebe hatten ihre Existenz verloren, weil die Männer fehlten. Andere gelangten im Zuge des Wirtschaftswunders der 1950er und -60er Jahre zu neuer Existenz.

 

Unterzentrum

Der 1952 neu gebildete Staat Baden-Württemberg hatte für Neuenbürg nicht nur mittelbare Auswirkungen. Nachdem 1938 das Oberamt Neuenbürg aufgelöst worden war und die Stadt zum Landkreis Calw gekommen war, änderte sich die Zugehörigkeit 1975 ein weiteres Mal. Neuenbürg mit seinen Teilorten Arnbach, Dennach und Waldrennach kam zum Enzkreis, der 1975 aus ehemals badischen und württembergischen Orten 1975 neu gebildet wurde. Mit der Kreisreform 1938 ging auch der Verlust der früher hier ansässigen Ämter einher. Neuerdings sind es die Privatisierung und Zusammenlegung von Ämtern, die am Status des Unterzentrums rütteln. Interessanterweise konnte sich gerade das Neuenbürger Schloss als ehemaliger Herrschaftssitz und Ausgangspunkt für die Rolle der Stadt als Zentrum, zu einem viel besuchten kulturellen Zentrum etablieren. Sicher hat auch das städtische Bewusstsein der Neuenbürger zu dem Mut beigetragen, dieses für eine kleine Stadt große Projekt zu realisieren.

 

 

Der Neuenbürger Stadtbrand vom 22. Mai 1783



Inferno in einer Maiennacht

Am 23. Mai 1783 zwischen 1 und 2 Uhr brach im Hause von Bäcker Schnepf ein Feuer aus, das in den folgenden Stunden mehr als zwei Drittel des Städtchens in Schutt und Asche legte. Nur die Häuser in der nordwestlichen Marktstraße und in der Wildbader Straße blieben verschont. Seit 1557 hatte es keinen vergleichbaren Brand mehr gegeben.

Bemerkt hatte es der Bäcker Christian Friedrich Bohnenberger, der gerade von einem Krankenbesuch nach Hause gekommen war. Pfarrer Zeller, der den Brand miterlebte, schrieb in einem Bericht: „Als er (Bohnenberger) sein Haus erreicht und sich größtenteils entkleidet hatte, roch er Feuer; er suchte in seinem Hause nach, fand da nichts, entdeckte aber bei seinem Nachbarn ungewöhnliche Helle und Feuergeprassel, weckte schleunig die seinigen, floh aus dem Hause und sah dann die hellauflodernden Flammen in dem inneren Hause seines Nachbarn. Statt nun seiner eigenen in äußerster Gefahr stehenden Wohnung voll ängstlicher Betäubung und gerechten Eigennutzes zuzuspringen, lief er in voller Eile und mit braver, muthiger Entschlossenheit dem Oberamtshaus zu, um dem Oberamtsmann zu wecken und ihm den Brand anzuzeigen, machte Lärm in der Straße, und dann erst kehrte nach seinem Hause zurück. Dieses fand er bereits so sehr in Flammen, dass er kaum noch seine Kinder retten konnte und all seine fahrenden Habe dem Feuer zum Raube übergeben musste.“ Mit diesem Verhalten opferte Bohnenberger seinen eigenen Besitz, rettete aber dadurch das Leben vieler Familien, die sonst im Schlaf vom Feuer überrascht worden wären. Der neun Monate alte Säugling des Chirurgen Schnepf und der Brötzinger Georg Jakob Kühne, der half das Feuer zu löschen, waren die einzigen Todesopfer. Insgesamt 57 Familien wurden obdachlos, etliche beklagten erheblichen Sachschaden, wie Annemarie Schwemmle anlässlich der 200-jähigen Wiederkehr des schrecklichen Ereignisses vor 20 Jahren rekonstruierte.

 

Auch das Rathaus brannte nieder

Die Häuser in der mittleren Marktstraße brannten komplett nieder, darunter auch das Rathaus mit der gesamten Registratur, der Fruchtkasten (heute Drogerie) und die gerade erst zehn Jahre vor dem Brand fertig gestellte neue Stadtkirche. Angesichts der technischen Möglichkeiten waren zwar die Hilfe leistenden Mannschaften schnell da, dennoch blieb den Flammen soviel Zeit, um fast die gesamte Innenstadt zu erfassen. Ein besonderes Verdienst erwarben die Pforzheimer Mannschaften, denen es mit einer „Feuerspritze“ gelang, den Brand beim „Bärengässle“ (zwischen Drogerie Schlecker und Friseur Drollinger) zum Stillstand zu bringen. Das Wasser für die Spritze musste zunächst mit Eimern aus den Brunnen geholt und dann in die Spritze gefüllt werden. Obwohl die damaligen Spritzen nur wenig Wasser aufnehmen konnten, war es damit wenigstens möglich, gezielt und aus einiger Entfernung an das Feuer heran kommen. Wegen der vielen Stadtbrände in dieser Zeit wurde die Bestimmung erlassen, dass jeder Bürger einen mit Namen gekennzeichneten Ledereimer besitzen musste, dessen ordnungsgemäßer Zustand jährlich von der Obrigkeit geprüft wurde.

 

Große Not in der Stadt

Die große Not in der Stadt wurde durch Naturalien und finanzielle Hilfen aus anderen Städten gelindert. Diese gegenseitige Unterstützung war üblich und notwendig, bevor es die Brandschadenskassen  (in Württemberg seit 1773) und später die Gebäudebrandversicherung gab. So hatten die Neuenbürger erst ein Jahr zuvor die „Abgebrannten“ in Göppingen mit der stattlichen Summe von 320 Gulden unterstützt. Diese solidarische Hilfe wurde jetzt auch den Neuenbürgern zuteil. Zuweilen wird das Recht der Neuenbürger auf freie Badbenützung in Wildbad als Dank für die Hilfe beim Wildbader Stadtbrand begründet. Dafür lassen sich jedoch keine Beweise finden. Bereits im Wildbader Lagerbuch von 1592 wird ausgeführt, dass es das „freie baadt“ seit Menschen Gedenken gäbe. Offenbar war es war ein Recht, dass den Neuenbürgern im Rahmen einer schon in mittelalterlicher Zeit begründeten Verwaltungsgemeinschaft zwischen Neuenbürg und Wildbad zugesprochen wurde.

 

Zügiger Wiederaufbau

Der Wiederaufbau wurde zügig angegangen. Der Plan von Landesbaumeister Groß sah die Niederlegung der Reste der Stadtmauer vor sowie eine Parallelstraße zur Marktstraße, die jetzige Burgstraße. Die heutige Kirche konnte immerhin schon am 9. Mai 1788 wieder geweiht werden, während das Rathaus erst 1804 fertig gestellt wurde. So sind die Häuser der Marktstraße 19 – 25 heute die ältesten in Neuenbürg. Das Haus Marktstraße 19 wurde vor einigen Jahren dendrochronologisch untersucht und in die Zeit 1499/ 1500 datiert. Auch die angrenzenden dürften in ihrer Grundsubstanz etwa gleich alt sein. Stehen blieb auch das Haus Kirchplatz 2, dessen Erbauungsdatum im Türsturz mit 1746 angegeben wird. Bauherr war Christoph Friedrich Lidell, ein Kaufmann und Holzhändler, der später in Karlsruhe lebte.

Vor der Elektrifizierung war offenes Feuer die Hauptgefahr von Bränden. Eine umgekippte Kerze oder Laterne, ein in Öl getauchter Docht oder wie hier ein Backofen lösten derartige Katastrophen aus. Der Bau von gemeindeeigenen Backhäusern vor der Stadt, schärfere Bestimmungen im Umgang mit offenem Feuer und die Einrichtung der Gebäudebrandversicherung waren einige Maßnahmen, um diesen Katastrophen vorzubeugen.

(Elke Osterloh)