„Natur nah dran“ ist ein Kooperationsprojekt des Umweltministeriums Baden-Württemberg und des NABU Baden-Württemberg. Städte und Gemeinden verwandeln öffentliche Grünflächen mit Wildpflanzen in insektenfreundliche Blumenwiesen und Säume. Dazu erhalten sie finanzielle Förderung, praxisnahe Schulungen und fachliche Unterstützung. Neuenbürg ist in diesem Jahr eine von 15 geförderten Kommunen.
Bei unserem Projekt zur Förderung der biologischen Vielfalt werden artenarme oder pflegeintensive Grünflächen unter Anwendung verschiedener Methoden in ausdauernde Wildblumenwiesen und Staudensäume umgewandelt. Dabei kommen verschiedene heimische Saatgutmischungen zum Einsatz, die teilweise durcheinzelne Arten sowie mit Initialstauden und heimischen Gehölzen ergänzt werden.
Die Vorbereitungen haben begonnen
Konkret werden das in einem ersten Schritt folgende Flächen sein:
- Stadtgarten: Kirschlorbeer und andere invasive/Giftige Gehölze werden entfernt und durch eine blühende Hecke und Staudenbeete ersetzt.
- Kreisel Wilhelmshöhe: die Außenbeete des Kreisels werden leergeräumt und neu bepflanzt mit insektenfreundlichen Stauden und Blumenzwiebeln
- Straße nach Arnbach: der Grünstreifen entlang der Straße wird in eine Blühwiese umgewandelt.
Hier haben die Stadtgärtner bereits mit der Vorbereitung der Fläche begonnen. Eine Informationstafel für die interessierte Bevölkerung wurde aufgestellt. - Die Blumenkübel im Stadtgebiet werden mit einer dauerhaften Blumenmischung bepflanzt, so dass die Blumen nicht jedes Jahr ausgetauscht werden müssen.
Aktuell laufen die Planungen mit unseren externen Dienstleistern, die den städtischen Bauhof mit Gerät und Arbeitskraft unterstützen. Die ausstehenden Arbeiten werden in den nächsten Wochen stattfinden.
Viele Stellen, die auf den ersten Blick nicht bepflanzbar erscheinen, lassen sich mit speziellen Arten für trockene, steinige, schattige oder andere Extremstandorte zu blühenden Lebensräumen umwandeln. So kann der Natur zumindest ein klein wenig mehr Platz im Siedlungsraum eingeräumt werden. Auch die Vernetzung von Lebensräumen für Insekten kann mit der gezielten Auswahl von Flächen, die naturnah umgestaltet werden sollen, vorangetrieben werden. Gerade lineare Flächen entlang von Geh- und Radwegen oder von innerörtlichen Straßen können für ein grünes Wegenetz durch die Siedlungen hindurch sorgen. Dabei sind auch sehr kleine Flächen zumindest als Nahrungsraum für blütenbesuchende Insekten bedeutsam. Natürlich steigt der Wert solcher Flächen mit deren Größe. Doch gilt es möglichst alle Potenziale zu nutzen, denn auch viele kleine, mit Wildpflanzen bestückte Flächen werten im Verbund Städte und Gemeinden als Lebensraum auf
Das einfache Ausstreuen von Wildpflanzensamen auf bestehenden Grünflächen ist zwecklos. In der meist geschlossenen Pflanzendecke haben die Samen kaum eine Chance zu keimen und sich gegen den Pflanzenbestand durchzusetzen. Es ist daher notwendig, den Boden zu öffnen und für die neuen Pflanzen vorzubereiten. Das funktioniert auf verschiedene Weise.
Anlage mit Bodenaustausch
Diese Methode eignet sich bei verunkrautetem oder sehr fettem Boden besonders gut. Der Oberboden wird bis in eine Tiefe von etwa 25 cm vollständig entfernt. Es ist darauf zu achten, dass insbesondere die Ränder und Ritzen entlang der Einfassungen vollständig gesäubert werden. Die ausgekofferten Flächen werden mit Schotter, Kies oder einem anderen regionaltypischen, mineralischen Substrat aufgefüllt. Die Körnung muss unbedingt einen Null-Anteil einschließen. Damit Feuchtigkeit gespeichert werden kann, wird darauf je nach klimatischen Verhältnissen zwei bis drei Zentimeter dick gütegesicherter Kompost und eventuell Humus verteilt und wenige Zentimeter tief mit dem Krail eingearbeitet. Anschließend können Stauden gepflanzt und Wildblumen eingesät werden.
Die „Burri-Methode“
Diese Methode, nach dem Schweizer Johannes Burri benannt, eignet sich vor allem zur Artenanreicherung auf großen Flächen. Dabei wird nur ein Teil der Fläche mit Wildpflanzen bestückt, die sich im Laufe der Jahre auch auf der restlichen Fläche ausbreiten sollen. Dazu wird jeweils ein Streifen der Vegetation durch mehrfaches Fräsen beseitigt, sodass streifenweise eine Schwarzbrache entsteht. Nach etwa drei Wochen läuft das im Boden vorhandene Samenpotenzial der Altvegetation auf, der Aufwuchs muss entfernt werden. Danach gibt man dem Boden vier bis sechs Wochen Zeit, um sich abzusetzen, bevor eingesät und gewalzt wird. Diese Methode ist relativ kostengünstig, es dauert jedoch zum Teil etwas länger, bis die Blühflächen richtig attraktiv sind, da die Fläche im ersten Jahr durch mehrfachen Schnitt zunächst kurz gehalten wird, bis die neu ausgesäten Wildblumen Blattrosetten gebildet haben. Im Folgejahr wird ein früher Pflegeschnitt (etwa Anfang bis Mitte Mai) durchgeführt, erst danach lässt man die Fläche blühen und mäht sie wie eine Wildblumenwiese. Ziel ist, dass sich die Vielfalt der Pflanzen im Laufe der Zeit auch in die nicht umgegrabenen Bereiche ausbreitet
Nachhilfe für mehr Vielfalt
Grundsätzlich kann ein Rasen einfach weniger häufig gemäht werden, um Blumen die Chance zu geben, zu blühen. Unter Umständen dauert es jedoch viele Jahre, bis sich eine gewisse Vielfalt einstellt, denn nur bereits in der Fläche lebende Pflanzen können blühen und aussamen. Pflanzen, die aus der Region schon lange verschwunden sind, können sich nicht einfach wieder von alleine ansiedeln. Ist eine größere Vielfalt das Ziel, muss mit Saatgut, Initialstauden und Zwiebeln nachgeholfen werden.
Welche Pflanzen oder Saatgutmischungen auf die Flächen kommen, sollte immer auf die jeweiligen Bedingungen abgestimmt sein. Je nach Standort können etwa höher wachsende oder niedrig bleibende Mischungen oder – an Straßenrändern – besonders salzverträgliche Arten gewählt werden. Viele „Natur nah dran“-Kommunen greifen wir auch in Neuenbürg auf bewährte Mischungen qualifizierter Anbieterinnen und Anbieter zurück, die dann individuell modifiziert werden: Beispielsweise wird der Blumenanteil auf bis zu 100 Prozent erhöht. Bestimmte Einzelarten werden ergänzt oder aus der Mischung herausgenommen - Gräser werden reduziert oder fallen sogar komplett weg. Eine Ergänzung mit einjährigen Arten sorgt für eine schnelle und attraktive Blüte im ersten Jahr. Aus optischen Gründen werden oft Initialstauden hinzu gepflanzt. Zusätzlich gesteckte Zwiebelpflanzen dienen im zeitigen Frühjahr Wildbienen und anderen Insekten als wichtige Nahrungsquelle.
Wässern in der Anfangszeit
Neu angelegte Flächen sollten rund sechs Wochen lang feucht gehalten werden. Danach und auch in den Folgejahren brauchen die widerstandsfähigen Wildpflanzen nicht mehr gegossen werden, sie erholen sich auch nach längerer Trockenheit wieder.
Neuenbürg als Projektgemeinde ausgewählt
Damit die Umgestaltung zu naturnahen Flächen erfolgreich und nachhaltig erfolgt, finden im Verlauf des Projektes immer wieder Workshops und Schulungen statt. Praxiserfahrung wird dabei in ausgewählten Projektgemeinden gesammelt, wo sich die Mitarbeitenden aus mehreren Gemeinden treffen um unter Anleitung der Fachleute die unterschiedlichen Pflanzmethoden zu erlernen.
Neuenbürg hat das große Glück, als Pilotgemeinde ausgewählt worden zu sein! Ende September werden wir also die Kolleginnen und Kollegen aus den andren Stadtgärtnereien bei uns im Städtle empfangen und mit vielen zusätzlichen fleißigen Händen die Neuenbürger Projektflächen anlegen. Wir freuen uns sehr über das Privileg, Pilotkommune zu sein und gehen motiviert in die Vorbereitung der Pflanztage.
In einem ersten Schritt werden wir im Stadtgarten, auf der Wilhelmshöhe und an der Straße nach Arnbach Flächen umwandeln. Die Stadtgärtner werden in den kommenden Wochen die Pflanzflächen vorbereiten. Dazu müssen zum Teil alte Bestände entfernt werden und in den meisten Fällen mehrmals Boden abgetragen werden, bevor mit hochwertigem Substrat aufgefüllt werden kann. Was in der Vorbereitung aufwändiger ist, bringt langfristig deutliche Einsparungen in Bezug auf Material und Arbeitseinsatz.






